Zeitgeschehen

Dachdecker-Burschen

Gepostet am Aktualisiert am

„Hallo, Frau Hartmann“, sagt er. Er ist jung, gebräunt wie ein Bergsteiger und begleitet von einem älteren Kollegen. Sie sind gut gelaunt. Die Zeit großer Stürme ist die Zeit glücklicher Dachdecker. „Schön, dass Sie da sind. Wir konnten leider nicht vorher anrufen. Die vielen Aufträge…“

Ja, ja, ich weiß. Ich nicke verständnisvoll, fasele Small talk-Zeugs und überlege laut, wie sie jetzt aufs Dach kommen. Mit der Leiter? Wohl kaum im vierten Stock?

„Nein, lieber durch die Wohnung.“ Und kaum habe ich die Tür zur Dachgeschosswohnung meines Nachbarn geöffnet, haben sie die Ausstiegsluke  schon gefunden – das Fenster der Abstellkammer. Für mich sieht es aus wie ein Fenster mit viel Himmel mit Aussicht auf Nachbarn und rund herum gar nichts. Ganz unten der Asphalt. Bäume gibt es nicht mehr.

„Sie wollen DA hinaus?“ Ich schnappe nach Luft.

„Ja, klar!“

Sie lachen fröhlich.

Zack, Fenster auf, Bergsteiger-Dachdecker springt auf den Rahmen – und raus ist er in schwindelnder Höhe. Sein Kollege schaut mich grinsend an (ich stehe da wie die aufgeregte Ommi aus´m Fernsehen – Hand ans Herz gepresst und schwächelnd), ich sehe seine Arme den Rahmen greifen, die Füße tasten auf einem Wasserkasten herum – und schon ist er raus.

Ich stürze an den Fensterrahmen – weg sind sie. Über das Dach gepest, wer weiß, wohin. Die Fenster des Hauses gegenüber spiegeln nur den Himmel.

Ich schwöre – ich habe sie nie mehr wieder gesehen. Weg waren sie. Einfach so.

Diese Dachdecker-Burschen!

 

 

 

 

 

Menschenrechtspreis 2012: Gergishu Yohannes

Gepostet am Aktualisiert am

Am 8. September bekommt Gergishu Yohannes den Menschenrechtspreis 2012 von der Stiftung PRO ASYL, weil sie sich mit ganzer Kraft für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer einsetzt. Die Frau war früher selbst Flüchtling aus Eritrea. 2009 überlebten nur fünf Menschen eine furchtbaren Bootskatastrophe –  das Boot trieb  23 Tage lang im Kanal von Sizilien und 76 Flüchtlinge starben an Dehydrierung und Erschöpfung. Yohannes eigener Bruder war darunter. Seitdem kämpft Gergishu Yohannes für das Andenken der gestorbenen Flüchtlinge und für Gerechtigkeit. Sie verklagte mit anderen Angehörigen Italien wegen unterlassener Hilfeleistung und ist weit gereist, um mit den Überlebenden zu sprechen.

„Nach Angaben der fünf Überlebenden fuhren täglich mehrere Schiffe an ihnen vorbei, die sie hätten retten können.“, heißt es in der Presseerklärung. „Wochenlang telefonierte Gergishu Yohannes mit Behörden und Hilfsorganisationen auf der Suche nach Informationen über den Verbleib des Bootes. Doch obwohl die italienische und die maltesische Küstenwache den Aufenthaltsort des Bootes kannten, wurden die Flüchtlinge nicht gerettet.“

Yohannes brachte über 1300 Angehörige und Freunde der Toten in einer Interessengemeinschaft zusammen, um gegen den italienischen Staat zu klagen. Diejenigen, die nicht gerettet haben, werden jetzt zur Rechenschaft gezogen.

Die Schiffskatastrophe 2009 ist kein Einzelfall. Allein im Jahr 2011 kamen über 2000 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ums Leben.

Die STIFTUNG PRO ASYL verleiht Gergishu Yohannes den Menschenrechtspreis am 8. September 2012  in Frankfurt am Main.

Ich gratuliere Gergishu Yohannes, von ganzem Herzen.

 

________________________________

Hier geht es zur Website von PRO ASYL:

http://www.proasyl.de/de/

Brombeer-EM

Gepostet am Aktualisiert am

Ich habe ja lange überlegt, ob ich etwas dazu sage. Schließlich bin ich keine Fußball-Expertin, aber – isset nich süß? Diese Brombeerfarbe mit Brokat-Tapetenmuster in den Stadien und in den Sendezentren? Dazu  dieses Blümchen-Logo, das immer wieder neckisch aufpoppt? Ein kleiner floraler Gruß in schönstem Grün, Rot, Gelb und Ocker? Der Fußball die Blüte, und links und rechts ein Blümchen dazu.

(Damit Sie verstehen, was ich meine und vielleicht gerade nicht im Bilde sind, verlinke ich mal ganz kurz zur UEFA.

http://de.uefa.com/uefaeuro/index.html)

Ist es nicht schön? Ab und an sieht man auch im Fernsehen diesen Torbogen, durch den die Spieler auf den Platz schreiten, leider auf der verlinkten Seite hier nicht zu sehen. Ich stelle mir die Details auf dem Bogen in etwa so vor wie diese phantasiereiche Ranke auf der linken Hälfte der UEFA-Website. Hübsch, nicht? Über und über ist die EM mit Blümchen übersät. Vielleicht sind es auf dem Torbogen wie auf der Hintergrundtapete auch nur kunstvolle Schlingen. Ich weiß es nicht genau. Es ist ja auch egal. Die Optik stimmt. Für jeden was dabei. Auf dem Spielfeld die harten Männer, drum herum ein verspieltes Ambiente.

Ich muss gestehen, ich bin überrascht. Ich hatte diese Entwicklung nicht mitbekommen. Vor ein paar Wochen hatten mich schon die rosa Fußballschuhe bei den Männern verblüfft. Jetzt erstaunt mich gar nichts mehr.

Fußball – EM. Das EM steht sicher auch für EManzipiert. Ich würde zu gern wissen, wer sich das ausgedacht hat. Aber nein, sagen Sie es mir nicht! Ich will mir meine Träume bewahren…

Unterstützen wir Debütautoren

Gepostet am Aktualisiert am

Die Internetplattform Lovelybooks hat jetzt eine schöne neue Idee entwickelt: Debütautoren werden mit ihren Romanen Monat für Monat ausführlich vorgestellt, Diskussionsrunden entstehen und der beste Debütroman 2012  wird gewählt. Mitmachen kann jede/r und es winkt sogar am Ende ein Literaturgewinn.

Bei tausenden von Neuerscheinungen jedes Jahr ist das eine tolle Chance für neue Autoren und Autorinnen, Publikum zu finden. Und wir Leser/innen entdecken so manches fesselnde Buch, das uns anders vielleicht entgangen wäre.

http://www.lovelybooks.de/debutautoren/

Spannende Themen und interessante Autoren und Autorinnen. Stöbern lohnt sich allemal.

Flüssigkeiten-Werbung

Gepostet am Aktualisiert am

Nein, mit „Flüssigkeiten-Werbung“ meine ich nicht Wein, Wodka, Whiskey oder sonstige belebende Getränke, sondern diese merkwürdigen Körperausscheidungen, die einem jetzt überall im Fernsehen entgegen springen.

Wissen Sie, was ich meine?

Da ist die lustige WC-Reiniger-Werbung, die uns teilhaben lässt an den üblen Farben und Sedimenten unserer Toilettenwelt. GUT, dass es kein Geruchsfernsehen gibt! Da ist das Nasenspray, das – wir sehen es genau! – uns vor den garstigen, fiesen Nasenschleim befreit, der gerade stinkig über den Bildschirm wabert. Da ist der Fußpilz, der – Animationstechnik sei Dank! – sich ausbreitet wie ein übles Geschwür und man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde. Und wenn wir Glück haben, dürfen wir auch noch der erschütternden Einflussnahme von suspekten Raumsprays beiwohnen, die ihren – per Augenbinde – erblindeten Gästen vorgaukeln, in einer regelrechten Frische-Oase zu sein. Während sie aber leider, leider in einem Sumpf ekliger Patina stecken. Würg. Ich will gar nicht wissen, wo die überhaupt herkommt.

Ich ahne Schlimmes – sie werden doch wohl nicht bei den anderen Ausscheidungen bald munter weitermachen? Diese „nicht mehr nachts müssen müssen“ ist mir auf einmal sehr lieb. Auch reicht es mir völlig, wenn eine Dame lustig auf und nieder hüpft, um die Auffangquote ihrer Hygiene-Artikel zu demonstrieren. Mehr will ich nicht wissen.

Ach, waren das noch Zeichen, als Kinder blutende Kniee im Fernsehen zeigen mussten, um den phänomenalen Erfolg eines Waschpulvers bei Blutflecken zu zeigen…

Toi. Toi. Toi. Ich drücke uns allen die Daumen, dass die Flüssigkeiten-Werbung wieder zu ihren Wurzeln findet!

Dschungelcamp-Boykott

Gepostet am Aktualisiert am

Jetzt kommt erst einmal einer dieser Sätze, die man immer überall und irgendwo hört: Ich schaue das „Dschungelcamp“ im Fernsehen nicht.

Tue ich wirklich nicht. Aber nicht, weil mir das Niveau zu tief wäre, sondern schlicht und ergreifend, weil ich es tragisch finde, was dort mit den Menschen gemacht wird. Durch die Presse Online und im TV geistern immer wieder Bilder und Nachrichten, wie sich die Menschen dort im Schlamm quälen und gebärden, und jedes Mal kann ich es nicht fassen, dass andere Menschen solche Events planen, organisieren, verkaufen und kommentieren und ihre Mitmenschen für Geld und Häme durch die Hölle gehen lassen.

Nun kann man sagen – warum gehen Menschen überhaupt in so ein Camp? Sie wissen doch, was sie erwartet? Sie sind doch erwachsen! Doch seien wir doch mal ehrlich – kaum jemand wird in ein solches Camp gehen, der nicht Geld oder Anerkennung braucht, aus welchen Gründen auch immer. Natürlich muss man so etwas nicht machen. Es ist, gelinde gesagt, nicht sehr klug. Aber allein, dass jemand so weit kommt, dass er DENKT, er müsse sich derart verkaufen, erregt mein höchstes Mitleid. Das Argument, ein Erwachsener wisse, was er tue, und daher kann man mit ihm machen, was man will, nur weil man es vorher mit ihm vertraglich geregelt  hat, widert mich an. Ich empfinde Abscheu für Menschen, die andere Menschen in ihren finanziellen und emotionalen Notlagen ausnutzen.

Dschungelcamp, DSDS, Frauentausch, um nur die drei bekanntesten Sendungen zu nennen – es gibt eine lange Liste, für die ich mich fremdschäme. Schäme für die, die so etwas initiieren. Und mich auch schäme für die, die sich so etwas mit Freude ansehen. Letztendlich schäme ich mich, Teil einer Gesellschaft zu sein, die so etwas billigt.

Nein, ich schaue das Dschungelcamp, DSDS und Frauentausch nicht. Mit meiner ganz privaten Einschaltquote soll bitte kein Geld verdient werden.